Demo gegen Tiertransporte: Große Beteiligung beim heutigen Aktionstag in Aurich

Rund 350 Teilnehmer:innen / Demonstration, Expert:innenrunde, Podiumsdiskussion mit Politiker:innen und Mahnwache

Mitteilung: Vier Pfoten

Hamburg/Aurich, 09. April 2022 – Die globale Tierschutzorganisation VIER PFOTEN demonstriert heute im niedersächsischen Aurich mit den „Ostfriesen gegen Tierleid“ und über zwanzig weiteren Organisationen gegen grausame Tiertransporte. Vor Ort sind heute rund 350 Teilnehmer:innen. Gemeinsam will das Aktionsbündnis ein Zeichen gegen grausame Tiertransporte setzen und die politischen Verantwortlichen zum Handeln bewegen, Tiertransporte zu verbieten. Von der Tiersammelstelle in Aurich wird ein Großteil der aus Deutschland exportierten Tiere abgefertigt – hunderte Transporte gehen jährlich in andere EU-Länder und Drittstaaten. Auf der Tagesagenda der Demo steht neben dem Marsch durch die Auricher Innenstadt auch einige Redebeiträge, eine Expert:innenrunde, eine politische Podiumsdiskussion und eine Mahnwache vor der Tiersammelstelle VOST. … weiterlesen

Sei kein Schaf: So sehr leiden Tiere und Umwelt für Wollprodukte

Noch immer haben Verbraucher:innen bei Wolle und Produkten, die mit dieser verarbeitet werden, glückliche Schafe im Kopf, die mit dem Schäfer oder der Schäferin über grüne Wiesen ziehen und im Einklang mit der Natur leben. Ein Irrtum: VIER PFOTEN nennt vier Gründe, warum Schafwolle oft mit Tierqual sowie negativen Klima- und Umweltauswirkungen verbunden ist.

Grund 1: Merinowolle steht meist für die grausame Praktik des Mulesing
Eines der größten Tierschutzprobleme in der Wollindustrie ist das sogenannte Mulesing. Bei dieser grausamen Methode schneiden Farmer:innen ihren Schafen ohne Betäubung große Hautstreifen rund um den After weg – diese Verstümmelung soll Fliegenmadenbefall vorbeugen. Jährlich müssen rund zehn Millionen Merino-Lämmer in Australien diese Prozedur über sich ergehen lassen. Zwar wird Mulesing nur in Australien durchgeführt und ist in Deutschland verboten. Da aber weltweit 90 Prozent der feinen Merinowolle von dem größten Exporteur Australien stammen, findet sich diese Mulesing-Wolle auch in Produkten wieder, die in Deutschland verkauft werden. Verbraucher:innen sollten beim Kauf von Wolle und Textilien deshalb ganz genau hinsehen und ausschließlich zertifiziert mulesing-freie Produkte kaufen. Orientierung geben hier u.a. die Label Responsible Wool Standard (RWS) und Nativa™.

Mulesing ist eine veraltete und schmerzhafte Prozedur, die nicht einmal vollständig vor dem Fliegenmadenbefall schützt, da die Fliegen dennoch Hautfalten am restlichen Körper des Schafes befallen können. Mulesing ist nicht mehr notwendig, da es bereits schmerzfreie Alternativen gibt, die erprobt sind und von vielen Farmen in Australien angewendet werden: Farmer:innen steigen auf andere Schafzüchtungen um, die weniger Hautfalten haben und dementsprechend von Natur aus resistenter gegen Fliegenmadenbefall sind. Weniger Hautfalten bedeuten keinesfalls weniger Wollmenge oder eine schlechtere Wollqualität.

Grund 2: Die Schur ist für die Tiere teils mit großem Stress und Schmerzen verbunden
Schafe müssen nur geschoren werden, weil sie von den Menschen daraufhin gezüchtet wurden, möglichst viel Wolle zu produzieren. Ohne das Einwirken des Menschen würde ihnen nur so viel Wolle wachsen, wie sie brauchen, um ihre eigene Temperatur zu regulieren und sich damit vor extremer Kälte oder Hitze zu schützen. Eine Schur ist bei nicht-domestizierten Schafen überflüssig und wird durch den natürlichen Wollwechsel geregelt. Durch die Hochleistungszucht haben die Schafe aber das Problem, dass sie auf die Schur des Menschen angewiesen sind, da ein natürlicher Wechsel nicht mehr stattfindet. Annika Kreuzer, Kampagnenverantwortliche bei VIER PFOTEN: „Dies zeigt der Fall eines in Australien entlaufenden Schafs, das in der Wildnis entdeckt wurde und aufgrund des enormen Zusatzgewichts an Wolle kaum mehr laufen konnte.“ Die Schur selbst ist für die Schafe mit großem Stress und regelmäßig auch mit Schmerzen verbunden. Die Arbeiter:innen in den Betrieben stehen häufig unter Zeitdruck, da sie oft pro Schaf oder Wollmenge und nicht pro Stunde bezahlt werden. Die Akkordarbeit und die meist fehlenden Tierwohlschulungen führen dazu, dass die Beschäftigten bei der Schur unachtsam und grob vorgehen – oft führt dies bei den Tieren zu großen Schnittwunden, die zum Teil nur unsachgemäß behandelt werden.

Grund 3: Ausgemusterte Schafe werden oft in Länder verkauft, in denen die Tiere grausam geschlachtet werden
Die Schafhaltung für die Wollproduktion ist mit vielen Tierschutzproblemen verbunden: Neben den routinemäßigen Verstümmelungen (z.B. Kupieren des Schwanzes) und des oft groben Scherprozesses, stehen auch der Transport und die Schlachtung für großes Leid. Wenn die Tiere nicht mehr rentabel für die Wollindustrie sind, werden sie zur Schlachtung verkauft. Dann erwartet diese häufig ein langer Transport in weit entfernte Länder. Allein aus Australien werden ca. vier Millionen Schafe jährlich verschifft, häufig in den Nahen Osten oder Nordafrika, wo sie unter grausamen Bedingungen geschlachtet werden. Weltweit können Verbraucher:innen somit unbewusst mit ihrem Wollkonsum das grausame Schicksal der Tiere unterstützen. Auch wenn es Unterschiede zwischen den Schafhaltern gibt, so gilt grundsätzlich: Überall dort, wo eine große Industrie dahintersteht, sind Tierschutzprobleme vorprogrammiert.

Grund 4: Dass das „Naturprodukt“ Wolle besonders nachhaltig sowie umweltschonend ist, ist ein Mythos
Die Wollproduktion wirkt sich deutlich negativ auf die Umwelt und unser Klima aus. Um die globale Nachfrage nach Wolle zu decken, werden weltweit Millionen Schafe gehalten. Allein Australien, der global führende Wollproduzent, hält 60 bis 70 Millionen Schafe zur Wollproduktion. Diese großen Tierherden produzieren große Mengen des Treibhausgases Methan, das nach Angaben des Umweltbundesamts 25mal klimaschädlicher ist als CO2.

Auch die Herstellung von Futtermitteln und der damit einhergehende Flächenverbrauch sind alles andere als umweltschonend. Der neue Report „Shear Destruction: Wool, Fashion, and the Biodiversity Crisis” der Collective Fashion Justice Initiative legt diese Zusammenhänge im Detail offen. Der Report analysiert eine Reihe von Datenquellen, darunter den Higg Material Sustainability Index und zeigt auf, dass die Wollproduktion in erheblichem Maße zu Treibhausgasemissionen, Landnutzung, Biodiversitätsverlust und Umweltverschmutzung beiträgt: Demnach ist die Tierhaltung weltweit für ca. 16,5 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Kleine Wiederkäuer, einschließlich Schafe und Ziegen, sind verantwortlich für 474 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr. Das entspricht der Menge, die 103 Millionen Autos pro Jahr verursachen. Verglichen mit der Produktion anderer Textilien, die für ähnliche Zwecke wie Wolle verwendet werden, sind die Klimakosten von Schafwolle laut dem Higg-Index-Bewertungssystem dreimal höher als die von Acryl und mehr als fünfmal höher als die von konventionell angebauter Baumwolle.

Zum Schutz von Tieren und Umwelt: weniger und hochwertiger einkaufen
Natürlich zahlen auf eine ganzheitliche Nachhaltigkeitsbewertung einzelner Materialien viele Faktoren mit ein und ohne Zweifel sind auch synthetische Stoffe mit negativen Kosten für die Umwelt verbunden. Betrachtet man beispielsweise die Langlebigkeit eines Materials, so schneidet Wolle zwar besser ab als viele andere Materialien. Doch die Langlebigkeit von Wolle wird nicht immer genutzt und viel zu oft wird neu gekauft anstatt wiederverwendet. Gleichzeitig wird das Mikroplastik beim Waschen von synthetischer Kleidung in Bewertungen oft nicht berücksichtigt.
Annika Kreuzer: „Die besten Materialien sind diejenigen, die kein Tierleid verursachen und gleichzeitig auch gut für unseren Planeten sind. Es gibt heute zahlreiche pflanzliche und tierfreie Materialien, die sich bestens als Alternative eignen. Am Ende des Tages zählt, dass wir Produkte grundsätzlich wieder mehr wertschätzen und länger tragen. Wer weniger und dafür hochwertiger einkauft und diese Faktoren berücksichtigt, kann schon viel bewirken.“


17.2.2022
VIER PFOTEN – Stiftung für Tierschutz
www.vier-pfoten.de 
Bild von Sabine Löwer auf Pixabay

 

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