Schimpansen-Waisen erholen sich von dem Trauma, die Mutter zu verlieren

Eine Langzeitstudie zeigt, dass der Verlust der Mutter freilebenden Jung-Schimpansen Stress verursacht – aber nur während der ersten paar Jahre

Mitteilung: Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie

Chronischer Stress könnte ein Grund dafür sein, warum manche Tierwaisen eine kürzere Lebenserwartung haben und weniger Nachkommen bekommen. Forschende des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und des Instituts für Kognitionswissenschaften, CNRS in Lyon untersuchten, ob verwaiste Schimpansen – so wie Menschen – chronischem Stress ausgesetzt sind. Die Studie ergab: Obwohl der Verlust der Mutter den Waisen Stress verursacht, kommt es bei ihnen kaum zu chronischem Stress, denn nach zwei Jahren normalisieren sich ihre Stresshormonlevel wieder

Der Tod der Mutter ist für Jungtiere ein traumatisches Ereignis, besonders bei langlebigen Säugetierarten wie Schimpansen und Menschen, die von der langjährigen mütterlichen Fürsorge abhängig sind. Verwaiste Säugetiere sterben früher und haben weniger Nachkommen im Vergleich zu Nicht-Waisen. Warum das so ist, blieb bisher größtenteils ungeklärt. Klinische Studien mit Menschen und Studien mit Zootieren zeigen: Menschen oder Tiere, deren Mütter sterben, wenn sie noch sehr jung sind, leiden häufig ein Leben lang unter chronischem Stress. Dieser wirkt sich negativ auf die Gesundheit aus, kann jedoch reduziert oder sogar neutralisiert werden, wenn menschliche Waisenkinder früh genug in Pflegefamilien untergebracht werden. Wie gestresst Tierwaisen in freier Wildbahn sind und ob sie, so wie Menschen, jahrzehntelang chronischem Stress ausgesetzt sind, war bisher kaum erforscht.

Junge Schimpansen, die ihre Mutter verloren haben, sind stark gestresst
Forschende des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und des Instituts für Kognitionswissenschaften, CNRS in Lyon untersuchten über einen Zeitraum von 19 Jahren die kurz- und langfristigen Auswirkungen des Verlusts der Mutter auf die Stresshormonlevel verwaister freilebender Schimpansen. Die Studie zeigt, dass die Waisen stark gestresst sind – vor allem, wenn sie die Mutter im frühen Kindesalter verlieren. Waisen, die ihre Mutter vor mehr als zwei Jahren verloren haben oder bereits erwachsen sind, waren nicht mehr gestresst als andere Artgenossen, deren Mutter nicht gestorben war.

„Unsere Studie testet die Relevanz von Theorien, die anhand von klinischen Studien mit Menschen die Auswirkungen von Widrigkeiten im Kindesalter abzuleiten versuchen. Insbesondere interessierte uns, wie relevant sie für freilebende Primaten sind, deren Nachwuchs, wie beim Menschen, über ein Jahrzehnt lang von der Mutter abhängig ist“, sagt Erstautor Cédric Girard-Buttoz.

Schimpansen kümmern sich häufig um Waisenkinder oder adoptieren diese sogar
„Unsere Ergebnisse stehen im Kontrast zu Studien mit Menschen und zeigen, dass sich junge verwaiste Schimpansen mit der Zeit von dem für sie anfänglich belastenden Verlust der Mutter erholen. Taï-Schimpansen kümmern sich häufig um Waisenkinder oder adoptieren diese sogar. Erwachsene Tiere tragen beispielsweise ein verwaistes Jungtier auf dem Rücken, teilen ihr Futter und ihr nächtliches Schlafnest mit ihm oder schützen es vor Aggressionen. Ob verwaiste Schimpansen aufgrund dieser Unterstützung den Stress besser bewältigen, muss noch weiter erforscht werden“, sagt Roman Wittig, einer der Hauptautoren und Leiter des Taï-Schimpansenprojekts.

„Der Stress, den verwaiste Schimpansen im Vergleich zu Nicht-Waisen erleben, erklärt die geringere Lebenserwartung und verminderte Nachkommenzahl nicht direkt. Er könnte aber Auswirkungen auf andere wichtige Faktoren haben, wie zum Beispiel das Wachstum während kritischer Entwicklungsphasen“, sagt Catherine Crockford, eine Hauptautorin der Studie. „Als nächstes möchten wir herausfinden, was Schimpansenmütter ihrem Nachwuchs bieten, das ihm Waisen gegenüber besserstellt. Mütter tragen möglicherweise dazu bei, dass Jungtiere eine bessere Ernährungsgrundlage haben oder verschaffen ihnen soziale Vorteile, dienen ihnen vielleicht als Puffer vor den Aggressionen anderer – oder eine Mischung aus beidem.“


17.06.2021
Sandra Jacob
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie
www.mpg.de
Bild von suju-foto auf Pixabay

 

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