Hunde- und Katzenartige navigieren unterschiedlich: die einen haben Standardstrecken, die anderen nicht

Bericht: Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf

Globale Analyse der GPS-Aufnahmen von über 1.200 Tieren widerlegt lange gültige Annahmen über Tierbewegungen. Bei einer Untersuchung der Bewegungsdaten von Tieren aus der Familie der Katzen (18 Arten) und Hunde (16 Arten) entdeckte ein internationales Team überraschende Unterschiede bezüglich des Navigationsstils in freier Wildbahn. Wölfe und Füchse nutzen häufiger sogenannte Routenwege als Rotluchse, Löwen und Leoparden. Noch deutlicher wurde der Unterschied, als Arten der beiden Familien verglichen wurden, die wie Kojoten und Pumas zusammenleben.
Das Projekt wurde von Experten der Universität Maryland (USA) und des Center for Advanced Systems Understanding (CASUS) am Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR) geleitet. Die Ergebnisse der bisher größten vergleichenden Studie zur Bewegungsökologie von Raubtieren wurden im Fachblatt Proceedings of the National Academy of Sciences (DOI: 10.1073/pnas.2401042122) veröffentlicht.


Der Hund sucht immer wieder die gleichen Orte im Garten auf? Die Katze erkundet bei jedem Ausflug ein anderes Gebiet? Es zirkulieren unzählige Anekdoten zum unterschiedlichen Verhalten der beiden Haustierarten, deren Essenz die Wissenschaft nun auf die Schliche gekommen ist. „Wir haben herausgefunden, dass sich wildlebende Hunde- und Katzenartige auf grundlegend unterschiedliche Weise durch ihre Heimatgebiete bewegen, auch wenn sie häufig ähnlich groß sind, ähnliche Habitate bewohnen und ähnliche Beutetiere bevorzugen“, so Dr. Justin M. Calabrese, Leiter der Forschungsgruppe für Erdsystemwissenschaften am CASUS und Hauptautor der Veröffentlichung. „Hundeartige verlassen sich viel stärker auf regelmäßig genutzte Strecken, sogenannte Routenwege. Im Gegensatz dazu neigen Katzenartige dazu, sich ungleichmäßiger durch die Umgebung zu bewegen, was dazu führt, dass deutlich weniger solche Routenwege identifiziert werden.“

Auch Bewegungsdaten des Rotfuchses (Vulpes vulpes), einer der am weitesten verbreiteten Vertreter der Ordnung Raubtiere (Carnivora), wurden für die Studie gesammelt und ausgewertet. Copyright: Ivan Rudoy / Unsplash – www.hzdr.de

Bedeutung für mathematische Modellierung, Wildtierschutz und Evolutionsbiologie
Die vorgestellten Ergebnisse widersprechen dem bisherigen Wissensstand über die Bewegungsökologie von Raubsäugetieren. Bis jetzt ging die Forschung davon aus, dass sich Raubtiere – unabhängig von ihrer taxonomischen Zugehörigkeit – beliebig in ihrem Gebiet bewegen. Diese Annahme ist weit verbreitet und wurde bereits in mathematische Standardmodelle aufgenommen. Die neuen Erkenntnisse zeigen jedoch, dass Fleischfresser aus der Familie der Hunde dazu neigen, ein System von „Autobahnen“ zu schaffen, um sich durch Teile ihres Verbreitungsgebiets zu bewegen.

Den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zufolge sind diese Erkenntnisse sowohl für die Theorie der Tierbewegungen als auch für die Wildtierschutz-Praxis bedeutsam. Im ersten Fall gilt es, Modelle von Begegnungsprozessen zwischen sich bewegenden Tieren zu verbessern – ein Schwerpunkt der ökologischen Forschung am CASUS. Die neuen Modelle von zum Beispiel Räuber-Beute-Beziehungen und Krankheitsübertragungen könnten dann womöglich besser zu den Beobachtungsdaten passen. Bezüglich des Wildtierschutzes helfen ein besseres Verständnis und eine genauere Vorhersage der Bewegungsmuster der Tiere, Begegnungen zwischen Mensch und Wildtier zu reduzieren und Schutzgebiete gefährdeter Arten besser zu planen.

Enorme Anstrengungen zahlen sich aus
„Diese Forschungsarbeit war ein gewaltiges Unterfangen, das mit einer Vielzahl von E-Mails während der COVID-Pandemie begann“, erinnert sich Fagan. Mit 177 Beteiligten aus 150 Forschungseinrichtungen auf der ganzen Welt entwickelte sich das Projekt zur größten vergleichenden Studie zur Bewegungsökologie von Raubtieren, die jemals durchgeführt wurde. Der gesammelte Datensatz umfasst GPS-Halsbanddaten der Bewegungen von 1.239 einzelnen Raubtieren über ungefähr ein Jahrzehnt. Insgesamt 34 Arten von sechs Kontinenten wurden berücksichtigt. „Das Projekt hat gezeigt, wie moderne GPS-Technologie und ausgefeilte Analysemethoden faszinierenden Aspekte des Tierverhaltens aufdecken können. Noch vor ein paar Jahren hätte man diese Erkenntnisse nicht erlangen können“, fügte Fagan hinzu.

Originalpublikation:
William F. Fagan et al.: Wild canids and felids differ in their reliance on reused travel routeways, in Proceedings of the National Academy of Sciences, 2025 (DOI: https://doi.org/10.1073/pnas.2401042122)


29.09.2025
Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf
www.hzdr.de

 

Mein Revier! Städtische Wildtiere leben lieber getrennt voneinander

Bericht: Vetmeduni Wien

Igel – Bild von Alexa auf Pixabay

Igel und Dachs zählen zu den in Österreich heimischen Wildtierarten, die auch in Städten präsent sind. Damit enden aber die Gemeinsamkeiten: Auf kleinem Raum gehen sie einander lieber aus dem Weg und besiedeln unterschiedliche Lebensräume. Das ist die zentrale Erkenntnis einer von der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) geleiteten Studie unter Beteiligung des Konrad-Lorenz-Instituts für Vergleichende Verhaltensforschung (KLIVV) der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Genutzt wurden die Beobachtungen von Privatpersonen, welche diese im Rahmen von zwei Citizen-Science-Projekten mit den Wissenschafter:innen teilten.

Einige Wildtierarten passen sich erfolgreich an städtische Umgebungen an. Zu diesen Kulturfolgern zählen beispielsweise Säugetiere wie Eichhörnchen, Füchse, Marder, Igel und Dachse. Um potenzielle Konflikte dieser Arten mit Menschen oder deren Haustieren zu vermeiden, ist laut den Forscher:innen ein besseres Verständnis der Präsenz von Wildtieren in Städten erforderlich.

Dachs – Bild von Dirk (Beeki®) Schumacher auf Pixabay

Citizen Science – sichtbar machen, was sonst unsichtbar bleibt
Für ihr Forschungsprojekt analysierte das Wissenschaftsteam Berichte über Europäische Igel (Erinaceus europaeus und E. roumanicus) und Dachse (Meles meles). Diese Daten wurden durch zwei langfristige Citizen-Science-Projekte (stadtwildtiere.at und roadkill.at) bereitgestellt, um Lebensraumpräferenzen und potenzielle ökologische Interaktionen zu bewerten. Wer mitforschen möchte, findet zu den Projekten über die Onlineplattform citizen-science.at, im Rahmen der Initiative „Österreich forscht“, Zugang.

Marder – Bild von Th G auf Pixabay

Wien zählt rund zwei Millionen Einwohner:innen auf einer Fläche von 415 Quadratkilometern – rund 50 % davon sind Grünflächen in Form von Wäldern, Parks und privaten Gärten. Zwischen 2012 und 2023 wurden hier insgesamt 356 Igel- und 918 Dachs-Sichtungen gemeldet. Dazu Studien-Co-Autor Richard Zink vom KLIVV der Vetmeduni: „Diese Sichtungen von Bürgerinnen und Bürgern sind wichtig, weil herkömmliche Überwachungsmethoden im Stadtgebiet oft nicht ausreichen. Der Grund ist die große Zahl an Privatgrundstücken, die großteils nicht zugänglich sind.“

Dachse und Igel leben gerne in Siedlungslagen …
Sichtungen beider Arten korrelierten signifikant mit einer Mischung aus versiegelten bzw. bebauten Flächen und Grünflächen mit Wiesen und Sträuchern. Allerdings standen Sichtungen beider Arten in einem negativen Zusammenhang mit Ackerland. Dafür kann es laut Richard Zink mehrere Gründe geben: „Die weniger häufige Sichtung auf Ackerland ist höchstwahrscheinlich auf die Meidung von offenem Gelände oder die geringere Verfügbarkeit von Nahrung zurückzuführen. Die Ursache kann allerdings einfach auch darin liegen, dass die beiden nachtaktiven Arten auf dunklem Ackerland schwieriger zu erkennen sind und von dort seltener gemeldet werden.“

… und gehen sich sonst lieber aus dem Weg
Je steiler die Hanglage eines Lebensraums war, desto weniger Igel wurden gemeldet, während bei Dachsen in Gebieten mit einer Bebauungsdichte von über 15 % eine positive Korrelation zwischen Hanglage und Meldungen beobachtet wurde. Ein Miteinander der beiden Tierarten am selben Ort ist allerdings selten, wie Richard Zink betont: „Wir hatten kaum Igelmeldungen in Gebieten, in denen von Dachs-Sichtungen berichtet wurde.“ Laut Zink war die Bürgerwissenschaft von großem Nutzen: „Unsere Studie zeigt, dass Citizen-Science-Projekte eine gute Datenquelle sein können, um die Wechselwirkungen zwischen Mensch und Wildtier besser zu verstehen. Die vorliegende Studie könnte deshalb als Modell für andere städtische Gebiete und Arten dienen.“


20.20.2025
Text: Veterinärmedizinische Universität Wien
www.vetmeduni.ac.at

 

Appell an Landwirtschaftsminister Rainer: Mehr als 350 Tierärzte fordern Ende der tierquälerischen Anbindehaltung

Im Vorfeld der Internationalen Grünen Woche in Berlin haben mehr als 350 Tierärzt:innen ein rasches und verbindliches Ende der tierquälerischen Anbindehaltung bei Rindern und Milchkühen gefordert. Die Praxis beschneide massiv die Bewegungsfreiheit der Tiere und führe nachweislich zu physischen und psychischen Belastungen, heißt es in einem offenen Brief an Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer. Die Anbindehaltung sei „aus tierärztlicher Sicht nicht vertretbar“. … weiterlesen